Atlantik-Überquerung von Bermuda zu den Azoren

Seit drei Wochen liegen wir bei St. Georges vor Anker und haben in den letzten Tagen unsere Vorbereitungen für die Atlantik-Überquerung abgeschlossen. 

Bermuda bleibt in bester Erinnerung!

Doch die steht unter keinem guten Stern, denn der erste Tropical Storm Ana hat sich nordöstlich von Bermuda gebildet und erzwingt bereits vor der Abreise zum Umdenken unserer Reise-Strategie…

Für die (direkt gemessene) Strecke von mindestens 1800 Seemeilen (ca. 3300 Kilometer) rechnen wir mit einer Passage von 14 Tagen bis 18 Tagen, was unserer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 5 Knoten/Seemeilen pro Stunde entspricht. Wegen der extrem hohen Preise auf Bermuda haben wir unsere Vorrats-Einkäufe auf das Nötigste beschränkt. Als der Abreisetag eines schönen Samstags endlich gekommen ist, machen wir früh morgens noch ein paar letzte Einkäufe, bestehend hauptsächlich aus Mahlzeiten aus der Frische-Theke des Supermarkts. Danach geht es zum Tanken. 

Letzte Einkäufe: In den ersten Tage wollen wir uns mit Fertiggerichten von der sehr guten Frische-Theke versorgen!
Zwei Freunde: der eine bleibt (Tuffy, links), der andere fährt (Kay, rechts)

Nach dem Auffüllen der beiden Dieseltanks und weiteren 120 Litern in Reserve-Kanistern sind wir den stolzen Betrag von 550 US-Doller los (für 275 Liter Diesel).  Damit könnten wir theoretische eine volle Woche motoren, unseren Generator betreiben und die zu erwartenden Flautenfelder überbrücken.

Auf Bermuda sieht sogar die Tankstelle edel aus..!

Zum amtlichen Ausklarieren müssen nochmal zurück zum Immigration Dock und werfen um Punkt 14:00 Uhr die Leinen los mit Ziel Horta auf den Azoren. Wir bilden das Schlusslicht einer kleinen Flotte von Segelyachten, die alle von Bermuda Radio persönlich verabschiedet werden.

Die Hafenausfahrt! Eine kleine Flotille verlässt Bermuda

Bei schönstem Segelwetter setzen wir noch in der Hafenbucht das Großsegel und steuern durch den engen „Town Cut“, (die Hafeneinfahrt) aufs offene Meer hinaus. Das Wasser schillert – wie überall (!) auf Bermuda – in schönsten Türkistönen. Unsere wesentlich größeren „Mitstreiter“ verlieren sich schon bald in den Weiten des Ozeans. 

Mit Rauschefahrt geht´s los!

Wir halten uns südlicher als die empfohlene Route, um dem Tropical Storm ANA auszuweichen und kommen bei perfektem Wind anfangs auch gut voran. Doch schon der zweite Tag bringt Ernüchterung und ein mageres Tages-Etmal von 85 Seemeilen. Gegenströmungen und inzwischen einiger Bewuchs am Unterwasserschiff sind die Ursache dafür. Mit Etmalen zwischen 90 und 120 Seemeilen hangeln wir uns in den nächsten Tagen voran. 

Bei wenig Wind und Welle schmeckt das Essen am besten!

Die Winde sind dabei sehr wechselhaft und schwanken munter in Stärke und Richtung. Seegang und häufige Segelwechsel sind ermüdend und es fällt zunehmend schwer, die Augen auf zu halten. Zusätzlich hat Anett die erste Woche über mit Übelkeit zu kämpfen. Da sind wir froh, auf unser Fertigessen zurück greifen zu können.

Kaum Wind, aber Kälte und Nässe und bei Anett erstmals auch noch Seekrankheit: Steuern hilft!

Die über Satellit abgerufenen Wetterberichte von Weather-Track erweisen sich als zuverlässig, doch zeigen sie immer größere Flautenlöcher auf. Als wir mit Etmalen zwischen 75 und 85 Seemeilen den Tiefpunkt unserer „Segel-Karriere“ erreichen haben, ahnen wir längst, das wir froh sein können, wenn wir unser Ziel in drei Wochen erreichen.

Links die Strömungs-Vorhersage, die wir über Satellit erhalten: ganz wichtig, um den kräftigen Gegenströmungen auszuweichen!
Eine von mehreren Schiffsbegegnungen, zweimal sogar wieder mit Kollisionskurs!

Bisher haben wir radikal mit unseren Dieselvorräten gehaushaltet. Da die Flautenfelder im Hoch um die Azoren noch größer werden können, bleibt uns nichts  anderes übrig als abzuwarten. Dabei nutzen wir beinahe jede freie Minute (!) zum Angeln, jedoch ohne jeden Erfolg. Nachdem anfangs immer nur Seegras am Haken hing, verkündet die Ratsche endlich einen (kapitalen) Fang. Der Käpt´n „kämpft“, stellt jedoch beim Einholen fest, dass sich statt Fisch eine Möve (!) in der Angelschnur verfangen hat. Wir holen das arme Tier heran und befreien es aus seiner misslichen Lage.

Gut, dass wir den flauschigen Kumpel befreien konnten!

Trotz weiterer Bemühungen mit diversen Ködern im Wechsel ist uns kein einziger Fang geglückt, bis ein Defekt an der Angelmechanik unseren Bemühungen sowieso ein Ende macht. Damit fällt eine fest eingeplante Bereicherung des Speiseplans weg. Wie wir später erfahren, haben auch andere Segler kein Glück mit dem Fischfang gehabt. Offensichtlich kann man beim Hochsee-Segeln Fischfang als Bestandteil der Versorgung nicht mehr als feste Größe einplanen!

Der einzige Fisch kam von selbst angeflogen und hat (filetiert) ausgezeichnet geschmeckt
Gut, dass Delfine zu schlau sind, um auf einen hinterher gezogenen Köder hereinzufallen!

Über Satellit rufen wir alle zwei bis drei Tage aktuelle Wetterberichte ab und passen unseren Kurs den jeweiligen Wetter-Gegebenheiten an. Dementsprechend schlagen wir einen Haken nach Norden, wo mehr Wind zu erwarten ist, bis wir nördlich von 39 Grad bedenklich an der Eisberg-Grenze „kratzen“. Neufundland ist jetzt nur noch 550 Seemeilen entfernt und Grönland 1200!

Unsere „Satelliten-Krake“ ist unser Tor zur Außenwelt.
Mit Kay tauschen wir täglich Positionen und Neuigkeiten aus!

Mit neuer Strategie genehmigen wir uns jetzt täglich bis zu 10 Stunden Motoreinsatz und kommen damit den Winden im Norden Stückchen weise näher. So geht es bis zum 15. Tag, wo wir eigentlich schon im Ziel sein wollten. Endlich stellen sich die erhofften Winde ein, allerdings begleitet von hohem Seegang und lästigen Strömungen, die dem Autopiloten das Leben schwer machen. Zeitweilig lassen wir sogar den Motor zur Stabilisierung mitlaufen, um ein Querschlagen des Schiffes, was gefährlich werden könnte, zu verhindern.

Auf der Suche nach Wind kommen wir so weit in den Norden bis wir irgendwann sogar die Eisberg-Grenze überschreiten! Nach Neufundland sind es nur noch 550 Seemeilen!
Schönes Segeln wie hier hat auf unserer „Tour“ von West nach Ost Seltenheitswert!

Unter stark gerefften Segel stark schaffen wir endlich die Etmale, die wir uns gewünscht haben. Nach mehreren ruppigen, anstrengenden Segeltagen in Folge ist Horta schließlich noch 275 Seemeilen (500 Kilometer) entfernt und damit schon in greifbare Entfernung gerückt! Die Vorräte werden allerdings immer knapper und wir rationieren noch konsequenter. Die letzten Tage leben wir von überlagerten Überbleibseln vergangener Reisen, die wir noch aufstöbern können. Immerhin brauchen nicht zu hungern, haben aber am Schluss mehrere Kilos abgenommen.

Unsere Backstube lieferte perfektes Brot – bis das Mehl ausging!
Die letzten längst überlagerten Linsen: sehen nicht gut aus, machen aber satt und schmecken sogar!

Als wir schließlich das Flautengebiet des Azorenhochs erreichen, legen wir die letzten 150 Seemeilen unter Maschine zurück. Um Mitternacht des 19. Tages sind es nur noch 50 Seemeilen bis Horta. Da ist es schön, kurz vorm Ziel in der Düse zwischen Pico und Faial nochmal die Segel setzen zu können und unter Vollzeug mit dem imposanten Blick auf Pico, dem mit über 2300 Metern Höhe höchsten Berg Portugals, bis vor die Hafeneinfahrt von Horta zu segeln.

Fast am Ziel: links Faial, rechts Pico mit dem markanten Vulkan und höchsten Berg Portugals, 2351 Meter hoch!

Eine Kräfte zehrende Atlantik-Passage mit totalem Wettermix, oft lästigen Gegenströmungen, Starkwind, Regen und riesigen Flautenfeldern liegt hinter uns. Für die (mit Umwegen) 2000 Seemeilen lange Strecke haben wir genau 19 Tage gebraucht. Wir sind erleichtert und froh, alles ohne Bruch überstanden zu haben. Unterm Strich war die Passage von Bermuda zu den Azoren für uns allerdings leichter als erwartet, besonders im Vergleich mit der Passage von den Bahamas durch das Bermuda-Dreieck.

Jeder Neuankömmling muss in Horta die ersten Tage am Ankerplatz am Ankerplatz verbringen
Hier müssen wir noch zwei Tage auf unser PCR-Testergebnis warten, bis wir nach 21 Tagen endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben!