Havanna in Corona-Zeiten

Nach einer herrlichen Woche auf Cayo Largo segeln wir nach Cienfuegos zurück, parallel mit einem Charterschiff und deren netter Crew Mashal und Lennart.

Unser augenblickliches Segelrevier bei Cienfuegos

Bis zum Ankerstopp auf dem winzigen Cayo Guano del Este wird gebolzt, 35 Seemeilen gegen kräftigen Wind und Welle. Der Leuchtturm von Guano del Este kommt näher und sieht aus wie eine Weltraum-Rakete.

Ankerplatz vor Cayo Guano del Este

Der Ankerplatz davor ist allerdings ziemlich rollig und am nächsten Morgen brechen wir schon früh auf, zum 45-Meilen-Schlag nach Cienfuegos. Der Wind hat seine Ostrichtung beibehalten, aber wir laufen nun Kurs Nordost und können nach anfänglicher Holperei unter leicht gerefftem Vollzeug gute Fahrt machen. Kurz nach Mittag erreichen wir bereits die Hafeneinfahrt von Cienfuegos und legen die letzten sechs Meilen unter Motor zurück. Mashal und Lennart sind bereits eingetroffen und wollen am nächsten Morgen mit dem Taxi nach Havanna fahren.

Kubanische Autobahn!

Sie haben nichts dagegen, dass wir uns ihnen anschließen und so stehen wir bereits am nächsten Mittag am Castillo de los Tres Reyes del Morro, von wo aus wir einen phantastischen Ausblick auf die Hauptstadt Kubas haben und einen guten Überblickt bekommen: Im Vordergrund der Canal de Entrada und der Hafen, links dahinter die Altstadt und weiter rechts die Uferpromenade Malecon und die Neustadt Vedada, alles von imposanten Bauwerken gesäumt.  

Ganz Havanna liegt zu unseren Füßen
Castillo del Morro mit Blick auf die Havanna-Neustadt „Vededa“

Durch einen Tunnel gelangen wir in die Altstadt, wo unsere Unterkunft liegt, eine staatlich genehmigte Casa Particulares. Als wir eintreten staunen wir nicht schlecht über edles Design und eine völlig unerwartete Pracht. Unser Zimmer liegt im Erdgeschoss und ist riesengroß, die Decke mindestens fünf Meter hoch.

Unsere Unterkunft

Den ganzen Nachmittag bis in die Dunkelheit hinein streifen wir kreuz und quer durch die Altstadt, wo prächtige Plätze und Paläste in dichter  Nachbarschaft mit Bauruinen und armseligen Behausungen liegen. Es sind praktisch keine Touristen unterwegs und wir erleben authentisches kubanisches Treiben. In einigen Vierteln leben die Menschen fast auf der Straße und die Armut ist schockierend. Aber niemand bettelt, nicht einer, so dass wir gänzlich ungestört unserer Wege gehen können. 

Auf den Straßen wenig Verkehr und etwa jedes dritte Fahrzeug ein Amischlitten aus den Fünfzigern, dazwischen Pferdekarren und Fahrradrikschas, eine kuriose Mischung. Besonders gepflegte Straßenkreuzer stehen in schönsten Bonbonfarben als Kabrios vor den Luxushotels und bieten Stadtrundfahrten an.

Die Prachtstücke der Fünfziger als Cabrios
In den Gassen kann´s eng werden!

Das Angebot in Geschäften und Lokalen ist dürftig, aber immerhin größer als in Cienfuegos. In einigen Gassen reihen sich sogar Galerien, Imbisse und vereinzelte Restaurants aneinander.

Es wimmelt nur so von Menschen, die alle Maske tragen. Nur der geforderte Mindestabstand ist selten einzuhalten, doch die Covid-Fallzahlen auf Kuba sind so moderat wie die Preise und wir machen uns keine großen Sorgen, sonst hätten wir nämlich gleich zu „Hause“ bleiben können.  

Überall munteres Treiben

Da wir in einem Kneipenviertel wohnen, wird es eine laute Nacht, die erst ab drei Uhr etwas Ruhe bringt.

TAG 2

Um 11.00 Uhr sind wir mit zwei Deutsch-Kubanern verabredet, die wir auf Cayo Largo kennen gelernt haben. Mit Karin und Dan machen wir uns auf zu einem ganztägigen Streifzug in die Neustadt Vedada. Am Parc Central geht es los, in unmittelbarer Nähe vom (perfekt restaurierten) Capitol und dem geschlossenen Hotel Inglaterra, über die anschließende, von schwarzen Löwenskulpturen und alten Baumriesen flankierte Prachtstraße Prado entlang zum Malecon, die Uferpromenade, die die Altstadt mit der Neustadt verbindet.

Der Prado, die Prachtstraße Havannas
Mit Karin und Dan auf dem Prado

Die Häuser an der Allee sind in einem traurigen Zustand und warten noch auf ihre Restaurierung. Noch schlimmer aber sieht´s am Malecon aus, wo viele Gebäude aussehen wie nach einem Bombenangriff, während die Gischt fast haushoch über die Straße fegt, eine gruselige Szenerie!

Der Malecon an einem windigen Tag

In Vededa viel weniger Bruch, fast normaler Großstadtverkehr und munteres Treiben. Vor den Eisdielen teilweise endlos lange Schlangen. Vom höchsten Gebäude der Stadt, dem Edificio Focsa haben wir aus 100 Metern Höhe eine phantastische Aussicht und befinden uns dort genau gegenüber der Festung vom Vortag. 

Das nächste Highlight ist das Hotel Nacional – ganz in der Nähe und eine Ikone aus der Blütezeit Havannas, als sich die Superstars der 30er bis 50er Jahre hier die Klinke in die Hand gedrückt haben. Von Sinatra über Belafonte und Marlon Brando waren alle da, im Place to be der damaligen Zeit, als Havanna noch eine der reichsten Städte ganz Amerikas war. Wir staunen jedenfalls, das wir uns völlig ungestört in Hotel und Garten bewegen dürfen! 

Ausblick aus hundert Metern Höhe

Es ist schon später Nachmittag und es wird Zeit, dass wir uns auf den Rückweg machen, wieder über Malacon, und Prado zurück zum Plaza Central. Es fängt schon an zu dämmern, als wir in einem Straßenkreuzer-Cabrio zur Stadtrundfahrt aufbrechen.

Am Platz der Revolution

Eine Stunde geht es jetzt nochmal rund, wieder am Capitol vorbei und durch das ehemalige Chinesenviertel, aber auch über viele neue Strecken, z.B. über die prächtige Avenida Quinta mit dem Botschaftsviertel zum Plaza de Revolucion mit riesigem Denkmal. Während uns der Wind um die Ohren pfeift, geht es nochmal über den gesamten Malecon (8 Kilometer) und an den ältesten Plätzen der Stadt vorbei, den Plazas Vieja und Cathedral, bis wir nach einer Stunde wieder am Ausgangspunkt ankommen.

Das prächtig restaurierte Capitol

Als wir dort mit unserem Taxifahrer die Rückfahrt für den nächsten Nachmittag organisieren wollen, erleben wir, wie die berüchtigte Corona-Falle mal wieder gnadenlos zuschlägt. Durch einen plötzlichen, starken Corona-Anstieg sei es nämlich nicht ausgeschlossen, dass Havanna geschlossen wird und wir sollten am nächsten Morgen so früh wie möglich aufbrechen. Als schließlich ist alles ausgehandelt ist, verabschieden wir uns von Karin und Dan – nach einem wunderschönen gemeinsamen Tag. 

Als wir wenig später mit unseren Segelfreunden zu Essen gehen wollen, folgt die nächste Überraschung. Es ist noch nicht mal halb Neun und in allen  Restaurants sind die Stühle bereits hochgestellt, denn um Punkt 20 Uhr hat ein Lockdown für die gesamte Altstadt begonnen. Mit sehr ungutem Gefühl und knurrendem Magen finden wir schließlich Einlass in einem Hotel, wo man uns noch gnädig einen Hamburgher serviert. Später legen wir uns mit bangem Gefühl Schlafen und uns fragen, ob mit unserer Heimreise am nächsten Morgen alles klappen wird.

Wir haben Havanna als Stadt der extremen Gegensätze erlebt, mit schockierend schlechten Lebensverhältnissen für einen Großteil der Bevölkerung, fast überall gedrückte Stimmung und keinerlei Salsa-Feeling. Corona und der ausbleibende Tourismus haben Cuba einen schweren Schlag verpasst, aus dem sich das Land sich nur schwer erholen wird!